Wie Missverständnisse entstehen

Wie Missverständnisse entstehen

Du hast sicherlich schon mehrfach Situationen erlebt, wo Du im Gespräch mit jemandem warst – mündlich oder auch schriftlich – und es kam der Punkt, wo Du die andere Person überhaupt nicht mehr verstanden hast oder wo Du den Eindruck hattest, die andere Person versteht Dich gerade gar nicht (mehr).

Ich möchte Dir ein Beispiel erzählen, das ich vor kurzem erlebt habe:
Ich wurde um Feedback/Rückmeldung/meine Meinung zu bzw. meine Erfahrung mit etwas gebeten und ich sagte: „Ich hätte mehr dies und das gebraucht, damit es für mich rundum gut gewesen wäre.“. Ich habe damit eine Aussage über mich selbst getroffen, habe ein Stück meines Denken, meines Wesens und meiner Gefühle offenbart.
Und plötzlich und unerwartet kommt als Antwort: „Immer meckerst Du an mir herum!“, „Du kannst nicht erwarten, dass alles so läuft, wie Du es Dir wünschst!“, „Du kennst mich doch gar nicht!“ … – In mir war die Überraschung groß, denn ich konnte erstmal überhaupt nicht nachvollziehen, wie man so auf meine schlichte Ich-Botschaft antworten könnte.

Solche Situationen gibt es leider sehr häufig, ich erlebe sie seit ca. 30 Jahren sehr bewusst und setze mich seit damals damit auseinander. Jetzt ist der Zeitpunkt, wo ich das auch mal in diesem Rahmen, nämlich in meinem Blog, tun möchte.

Wie können solche Missverständnisse entstehen?
Es gibt ein sehr gutes, schon recht altes Erklärungsmodell dafür, an das ich mich gerne in solchen Situationen erinnere.
Es stammt von Friedemann Schulz von Thun und wird Die vier Seiten einer Nachricht“ oder auch „Der vierohrige Empfänger einer Nachricht“ oder auch das Vier-Seiten-Modell genannt. Schulz von Thun hat nämlich in den 1970er Jahren herausgefunden, dass jede simple Botschaft, jeder einfache Satz von uns vier verschiedene Aussagen enthalten kann. Ich spreche allerdings meist in meinen Gedanken nur auf einer der vier Seiten und mir sind die anderen Seiten in dem Moment nicht bewusst. Wenn ich mit meinem Gegeüber nicht auf gleicher Wellenlänge bin, dann hört es meinen Satz u.U. aber mit einem anderen Ohr hört, als ich es meinte. Und genau dann entstehen Missverständnisse.

Vier Kommunikationsebenen

Diese vier Kommunikationsebenen, die Herr Schulz von Thun herausgearbeitet hat, sind folgende: Sachebene, Selbstoffenbarungs-Ebene, Beziehungs-Ebene und Appell-Ebene.

Was damit gemeint ist?
Das erkläre ich Dir jetzt anhand von Beispielen:

  1. Situation: Sie sitzt am Steuer des Autos, er neben ihr und er sagt zu ihr „Du, da vorne ist grün“. Diese Situation kannst Du Dir wunderbar vorstellen, denn Du hast sie vermutlich so oder so ähnlich schon mal erlebt.

Die Sachebene ist die schlichte Aussage, dass die Ampel da vorne grün ist. Da ist sachlich nichts dran auszusetzen und das kann man einfach so hinnehmen und braucht nicht drauf zu antworten.
Er kann ihr mit diesem Satz „Du, da vorne ist grün“ aber auch indirekt mitteilen, dass er es eilig hat, also unter Zeitdruck steht. Er offenbart ihr seine Gefühle, seine Stimmung.
Meist steht diese Ebene im direkten Zusammenhang mit der Appell-Ebene, denn so kann der Satz „Du, da vorne ist grün“ auch die Aufforderung beinhalten: „Gib Gas“ oder „Drück auf die Tube!“ oder „Fahr schneller!“ oder wie auch immer.
Und dann kommt als letztes noch die Beziehungsebene mit rein, die die ganze Kommunikation noch schwieriger macht. Er kann ihr nämlich mit diesem kurzen kleinen Satz auch sagen: „Ich halte Dich für zu doof, das Grün zu sehen“ oder auch „Du fährst wiedermal viel zu langsam“ oder „Dein Fahrstil ist unter aller Sau“ oder ähnliches.

  1. Situation: Sie und er sitzen am Kaffeetisch und er sagt etwas seufzend: „Meine Mutter hat immer so einen guten Zwetschenkuchen gebacken“.

Auf der Sachebene ist das die Mitteilung der Info, dass ihm der Zwetschenkuchen seiner Mutter gut geschmeckt hat.

Er kann damit aber auch seine Gefühle offenbaren, vielleicht Wehmut oder Trauer, weil die Mutter nicht mehr lebt; vielleicht einfach nur, weil die Kindheit vorbei ist. Vermutlich kommen mit diesem Satz bei ihm ganz viele Erinnerungen an früher, Bilder, Gerüche und Menschen in den Sinn. Und das alles ist vorbei und er bedauert das.
Vielleicht meinte er aber auch die Appell-Ebene: „Lass Dir mal das Rezept geben“ oder „Back doch auch mal wieder Zwetschenkuchen und nicht immer Apfel-“
Oder wollte er ihr auf der Beziehungsebene mitteilen, dass sie seiner Mutter nicht das Wasser reichen kann? Oder dass sie eine miese Hausfrau ist?

Ich denke, Du hast verstanden, was mit diesen vier Seiten einer Nachricht gemeint ist und:

Ich hoffe, Du verinnerlichst es Dir:

Die Sach-Ebene, die Selbstoffenbarungs-Ebene, die Appell-Ebene und die Beziehungs-Ebene.

Das alleine führt nun aber noch nicht zu einem Missverständnis, sondern (klar, dass das jetzt kommt!) erst die Antwort auf der „falsch verstandenen“ Ebene.

Wenn sie auf sein „Du, da vorne ist grün“ mit „Immer meckerst Du an mir rum“ antwortet, er aber doch nur sagen wollte, dass er es eilig hat, dann erst kommt es zum Missverständnis und u.U. auch zum Krach.
Wenn sie auf sein „Meine Mutter hat immer so guten Zwetschenkuchen gebacken“ mit „Du vermisst sie wohl sehr?“ antwortet, obwohl er ihr den dezenten Hinweis geben wollte, dass er Lust auf Zwetschenkuchen hat und sie den als nächstes backen soll, dann fühlt er sich unverstanden oder meint, dass sie nicht immer so `psycho´ drauf sein soll.

Verstehst Du den Mechanismus, der dahinter liegt?
Warum Kommunikation so schwer ist und wieso Situationen so schnell eskalieren? Wenn zwei oder gar mehr Menschen nicht auf derselben Ebene miteinander kommunizieren, sondern z.B. die eine auf der Selbstoffenbarung- und die andere auf der Beziehungs-Ebene, dann muss es einfach schief gehen. Traurig, aber wahr.

Und um auf mein obiges Beispiel zurück zu kommen, das für mich der Anlass dieses Blogartikels ist – da war genau das das Problem: Ich habe von mir gesprochen, war auf der Selbstoffenbarungs-Ebene und deshalb völlig überrascht, dass das Gegenüber mit dem Appell- und dem Beziehungs-Ohr gehört und auf dieser Ebene geantwortet hat.

Wie Du nun mit dieser Schwierigkeit umgehen kannst, willst Du wissen? Es gibt zwei Wege: Zum einen klar und deutlich sprechen, sagen, was ich wirklich meine. Und zum anderen nachfragen, bevor ich heftig und eindeutig falsch reagiere und mir und der Anderen damit Leid zufüge. Du musst herausbekommen, auf welcher Ebene Dein Gegenüber gesprochen hat, damit Du weißt, auf welcher Ebene Du antworten musst, damit es nicht zu Missverständnissen kommt.

Doch darauf gehe ich dann in meinem nächsten Blogartikel ein.

Heute würde es zu lange werden.

Ich freue mich, wenn Du mir und anderen LeserInnen Deine Erfahrungen dazu mitteilst.

Mit einem herzlichen Glück auf grüßt Dich

Deine Christiane Kilian

Beitragsbild aus www.pixabay.com – Grafik aus Wikipedia

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